Monteverde - das Tierheim auf der Höhe
Heidy Märchy und Wolf Zemp führen seit zehn Jahren das Tierheim Monteverde,
seit fünf Jahren befindet sich das Heim für Ferien- und obdachlose Hunde und
Katzen am Böhler in Unterkulm AG. Wolf Zemp ist in Fachkreisen ein gefragter
Kynologe und tierpsychologischer Berater, der auch mal einen schwierigen Hund
zur Beobachtung ins Tierheim aufnimmt. Das neuste Projekt der Tierheimbesitzer
ist die Entwicklung eines Zuchtprogramms, das den «idealen» Familienhund
hervorbringen soll - eine Mischung aus Australian Shepherd und Collie.
Das Tierheim Monteverde liegt malerisch auf dem Hügel am Böhler in der
aargauischen Gemeinde Unterkulm. Zu erreichen sind die Tierheimleiter Heidy Märchy
und Wolf Zemp nur mit dem Auto, ein Bus verkehrt hier nicht. Die beiden schätzen
diese Abgeschiedenheit und Ruhe, die auch den Tieren zugute kommt. Bis zu 60
Hunde finden hier Unterkunft und ein über 4000 m2 grosses Auslaufgelände,
darunter einen 1200 m2 grosser Rudelauslauf steht ihnen zur Verfügung. Rund
20 Hunde sind Verzicht- oder Findeltiere, die anderen verbringen ihre Ferien
hier. Zemp hält die Hunde in Gruppen bis zu höchstens sechs Tieren, und wann
immer er Zeit findet, bildet er ein Grossrudel.
Heidy Märchy kümmert sich zudem um das Katzenhaus, das bis zu 20
Ferienkatzen aufnehmen kann. Keine obdachlosen Samtpfoten? «Das geht leider
nicht, weil wir keine Quarantänemöglichkeit haben. Deshalb können wir nur
geimpften und kastrierten Katzen einen Platz anbieten», erzählt die
Tierpflegerin, die ihren Beruf nach wie vor liebt. Auch Wolf Zemp freut sich
noch immer an der täglichen Herausforderung, die dieser Beruf mit sich
bringt, selbst dann, wenn man damit kaum je auf einen grünen Zweig kommt: «Wir
verdienen zwar nicht viel, haben aber auch keine Zeit, Geld auszugeben.
Schliesslich sind wir praktisch 365 Tage im Jahr da. Ganz selten mal ein Tag,
an dem wir frei nehmen können. Doch wir haben das so gewollt und sind
zufrieden dabei.»
Ist eine neue Hunderasse wirklich notwendig?
Künftige Hundehalter können zwischen rund 350 Rassen auswählen. Sie haben
zahlreiche Möglichkeiten, sich über die Eigenschaften ihres künftigen
Familienmitglieds zu informieren. Sie können sich auch für einen günstigeren
Mischling entscheiden. Warum also brauchen wir noch eine weitere Hunderasse?
«Weil wir - wie andere Tierheime, Kynologen und Tierpsycho- logen auch -
immer wieder die traurige Erfahrung machen, dass Verzichthunde vorwiegend
deshalb abgegeben werden, weil sie nicht mehr in unsere Gesellschaft passen.
Unzählige Hundeschicksale mussten wir miterleben. Die Halter waren von den
<Ansprüchen> ihrer Hunde überfordert. Denn die meisten Rassen wurden
ursprünglich ja für eine bestimmte Aufgabe wie Bewachen oder Jagen gezüchtet.
Werden diese Bedürfnisse, die tief im Hund stecken, nicht befriedigt, treten
oft Verhaltensauffälligkeiten auf. Unsere Gesellschaft verlangt nach Hunden,
die nicht auffallen, und wenn, dann positiv. Die Gesellschaft ist intolerant,
und dies wird noch schlimmer», prophezeit Wolf Zemp, dessen kynologische
Laufbahn bereits im Alter von 17 Jahren begann und der auch von amtlichen
Stellen um seine Meinung angefragt wird.
Der Fam-Collie
Und was ist mit «harmlosen» Hunden wie Pudel oder Malteser? «Einer, der
jahrelang einen Rottweiler oder Deutschen Schäferhund an seiner Seite hatte,
wird sich kaum mit einem Pudel blicken lassen. Da ist die Angst, dass er belächelt
würde», erklärt der Hundefachmann und erzählt von der Idee, einen «idealen»
Familienhund zu züchten. Einen, der den Vorstellungen der Gesellschaft
entspricht: Der Fam-Collie soll diese Anforderungen erfüllen.
«Jahrelang beschäftigten wir uns mit der Frage, wie denn ein <idealer>
Familienhund sein sollte. Mit dem Anforderungsprofil von Hundeinteressenten
entwickelten wir ein Zuchtprogramm. Der Border Collie, der vor ein paar Jahren
der absolute Trendhund war, hat zwar eine ideale Grösse, aber auch ein überschäumendes
Temperament, vergleichbar mit einem Formel-1-Rennwagen. Der australische Schäferhund
(Australian Shepherd, genannt Aussie) hat zwar die gleichen Aufgaben wie der
Engländer, ist aber etwas einfacher zu halten, sagen wir wie ein Tourenwagen.
Der Aussie ist ursprünglich ein Mix aus fünf Rassen, der nie durch
aggressives Verhalten oder Jagen aufgefallen ist. Er ist ein Hütehund, und
damit kann man leben. Als letzten nehmen wir den Collie, der mit seiner
ruhigen Art fast als <Döschwo> (absolut nicht negativ gemeint) bezeichnet werden kann, wenn wir bei
diesen Vergleichen bleiben wollen. In den USA, so haben wir recherchiert,
existiert eine Rasse, bei der eben dieser Collie wieder mit dem Aussie aus-
und rückgezüchtet wird. Dort wird dieser Hund auch Farm-Collie (Arbeitshund
für Farmer) genannt, und indem wir die Zielgruppe gewechselt haben (Familie
statt Farmer) entstand unser Fam-Collie», erzählt Wolf Zemp.
Erklärtes Ziel von Heidy Märchy und Wolf Zemp ist es, einen Hund zu züchten,
der sich in unserer Gesellschaft wohlfühlt und der von ihr geschätzt wird.
Inzwischen schwärmen Dutzende von Fam-Collie-Besitzern von dem angenehmen
Familien- und Begleithund, der draussen bewegungs- und arbeitsfreudig und im
Haus ruhig ist. Wesen und Charakter stehen somit an oberster Stelle. Ein hohes
Ziel, denn das Risiko «Unbekannt» ist vorhanden. Bis jetzt sind zwei
Generationen dokumentiert. Es wird noch mindestens weitere 20 Jahre dauern,
bis der Fam-Collie als Rasse anerkannt werden kann.
Die Zuchthündinnen sind drei Aussies verschiedener Herkunft, der Rüde ist
ein Collie. In der zweiten Generation kam ein neuer Collie-Rüde dazu. «Für
eine Weiterzucht benötigen wir eine möglichst breite Basis. Aus jedem Wurf
einer Linie behalten wir einen Hund - vorläufig jedenfalls. Und ganz bewusst
geben wir die Hunde ausschliesslich als Familienhunde ab, damit wir möglichst
viel über die Eigenintelligenz des Tieres erfahren. Das Echo über bereits
platzierte Fam-Collies ist sehr positiv, mit vielen wird Agility oder ein ähnlicher
Sport getrieben. Bei Vertragsabschluss müssen die Leute allerdings
unterschreiben, dass mit diesen Hunden keine Schutzhundausbildung oder Ähnliches
gemacht wird», erklärt Wolf Zemp.
Intoleranz macht Sorgen
Eigentlich möchte er mit diesem gut durchdachten Projekt keine Werbung
machen. Potenzielle Abnehmer seiner Welpen hat er vorerst genug. Was ihm
ernsthaft Sorgen bereitet, ist die allgemeine Intoleranz der Gesellschaft
gegenüber Hunden und ihren Haltern. Doch bis sich diese Intoleranz wieder
relativiert hat, sieht Zemp keinen anderen Weg, als die Züchtung von
gesellschaftsfähigen Hunden, die an gut instruierte Halter abgegeben werden.
Hunde, die ihre Ferien beim Tierheimleiterpaar verbringen dürfen, helfen
indirekt mit, dieses Projekt zu unterstützen. Mehr zum Tierheim finden
Interessierte unter
www.monteverde.ch.
Wer sich für die herrenlosen Tiere informieren möchte, findet alle
Informationen auf
www.verein-tiere-in-not.ch
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Christine Naef
Tierwelt, Nr. 38, 2007